In Deutschland gibt es rund 6.000 öffentliche Schwimmbäder, von denen etwa die Hälfte sanierungsbedürftig sein soll. Angesichts eines Investitionsstaus in Milliardenhöhe haben sich Teile der Branche 2026 zusammengeschlossen, um Politik und Öffentlichkeit auf die Lage aufmerksam zu machen. Gleichzeitig setzen Kommunen im ganzen Land auf ambitionierte Neubauprojekte, die Sport, Freizeit, Wellness und Energieeffizienz miteinander verbinden. Ein zweigeteilter Markt zwischen akutem Sanierungsbedarf und innovativen Vorzeigeprojekten, der auch im Mittelpunkt der Diskussionen auf der interbad steht, die vom 6. bis 8. Oktober 2026 in Stuttgart stattfindet.

Deutschland: Zwischen Finanzierungskrise und Schwimmbädern der neuen Generation - ein Markt im Wandel

Eine Branche schlägt Alarm

Es ist das beherrschende Thema des Jahres 2026 in Deutschland: Die Bäderallianz Deutschland, in der Sportverbände, Badbetreiber und Branchenorganisationen zusammengeschlossen sind, hat unter dem Motto ,,Retten wir die Bäder!" eine bundesweite Plakatkampagne gestartet, die am 27. Mai 2026 offiziell anlief. Ziel ist es, Öffentlichkeit und Politik auf den Zustand der deutschen Bäderlandschaft aufmerksam zu machen, den einige Branchenvertreter als ,,katastrophal" bezeichnen. Die Allianz fordert ein Investitionsvolumen von rund einer Milliarde Euro jährlich über einen Zeitraum von zwölf Jahren, verteilt auf die Sanierung bestehender Anlagen, energetische Modernisierungen und Neubauten.

Im Hintergrund steht auch eine konkrete gesundheitliche und gesellschaftliche Sorge: Den im Rahmen der Kampagne veröffentlichten Zahlen zufolge können immer mehr Kinder in Deutschland nicht sicher schwimmen, weil ihnen während ihrer Schulzeit kein ausreichender Zugang zu Schwimmbädern zur Verfügung steht.

Die bundesweite Kampagne ,,Retten wir die Bäder!" der Bäderallianz Deutschland

Projekte, die den Weg weisen

Während die Finanzierungskrise die öffentliche Diskussion bestimmt, treiben mehrere Kommunen dennoch Neubauprojekte voran, die häufig als Vorzeigeprojekte für einen energieeffizienten Bäderbetrieb konzipiert sind.

In Frankfurt steht das künftige Rebstockbad beispielhaft für diesen Ansatz. Nach dem Abriss im Jahr 2022 begannen die Bauarbeiten im März 2024. Die Fertigstellung ist für 2027 vorgesehen. Die Anlage wird über einen wettkampfgerechten 50-Meter-Schwimmerbereich, einen Lehrschwimmbereich, einen Sprungbereich sowie einen Erlebnisbereich mit Lazy River, Warmwasserbecken und vielseitigen Erlebnisrutschen verfügen. Hinzu kommt eine eigene ,,Saunawelt" mit einem großzügigen Saunaaußenbereich. Mehr als 2.000 m² Solarmodule, Geothermiebohrungen und der Anschluss an einen Wärmeverbund mit Kraft-Wärme-Kopplung sollen einen energieeffizienten Betrieb ermöglichen.

The future Rebstockbad in Frankfurt

Das künftige Rebstockbad in Frankfurt wurde als nachhaltige öffentliche Anlage konzipiert, die Sport- und Freizeitbecken, eine Saunalandschaft und großzügige Außenbereiche miteinander verbindet© Geising + Böker

In Oppenheim in Rheinland-Pfalz wird das von der Verbandsgemeinde Rhein-Selz geplante Hallenbad als ,,Leuchtturmprojekt" präsentiert. Es soll das erste deutsche Hallenbad sein, das Photovoltaik auf Dach und Fassade, Elektrolyse zur Umwandlung überschüssigen Stroms in speicherbaren Wasserstoff sowie geothermische Wärmepumpen miteinander kombiniert. Ziel ist ein vollständig klimaneutraler Betrieb. Die Bauarbeiten begannen Ende August 2025. Vorgesehen sind ein 25-Meter-Becken mit sechs Bahnen, Sprunganlagen mit Ein- und Drei-Meter-Brett, ein Lehrschwimmbecken und ein Planschbecken.

Hallenbad Oppenheim / Deutschland

Hallenbad Oppenheim / Deutschland © B1 Design - VenhoevenCS & MOW

Im bayerischen Dachau soll im Herbst 2026 ein neues Bad eröffnen. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 35 Millionen Euro, zuzüglich einer Reserve von einer Million Euro. Das unter dem Leitgedanken ,,A Walk to the River" entwickelte Konzept verbindet eine naturnahe Gestaltung mit einem Erlebnis-Planschbecken, Rutschen, einem Sprungturm und einem Wellnessbecken.

Drei Projekte in unterschiedlicher Größenordnung, aber mit einem gemeinsamen Signal: Wenn deutsche Kommunen heute in Schwimmbäder investieren, stehen Energieeffizienz und multifunktionale Nutzung nahezu immer im Mittelpunkt.

Das Kombibad - eine typisch deutsche Besonderheit

Diese Projekte veranschaulichen ein Konzept, das in der deutschen Bäderkultur fest verankert ist: das Kombibad. Nach der Definition des Dudens handelt es sich um eine öffentliche Badeanlage, die Hallenbad und Freibad an einem Standort vereint. So können die Besucher im Winter in der Halle und im Sommer unter freiem Himmel schwimmen.

Das Konzept umfasst sehr häufig auch einen Saunabereich und hat sich bei vielen neuen größeren öffentlichen Bädern in Deutschland als Standard etabliert. Durch die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur lassen sich Betriebskosten bündeln und die Besucherzahlen über das gesamte Jahr hinweg optimieren - ein gewichtiges Argument angesichts angespannter kommunaler Haushalte.

Künstliche Intelligenz am Beckenrand

Auch beim Einsatz KI-gestützter Sicherheitslösungen setzt Deutschland neue Akzente. Seit Januar 2025 ist das von der KölnBäder GmbH betriebene Stadionbad in Köln mit dem System Lynxight ausgestattet. Acht Kameras am Sport- und Lehrschwimmbecken analysieren die Bewegungen der Badegäste in Echtzeit und können eine Notsituation innerhalb von weniger als 30 Sekunden erkennen. Das Aufsichtspersonal wird anschließend über eine Smartwatch alarmiert.

Die Installation kostete rund 50.000 Euro. Der Betreiber betont, dass die Technologie die menschliche Aufsicht ergänzt und nicht ersetzt - ein Argument, das auch vor dem Hintergrund der französischen Diskussionen über den Mangel an Schwimmmeistern und Rettungsschwimmern besondere Bedeutung erhält.

interbad und DGfdB-Kongress im Zeichen der aktuellen Branchenherausforderungen

Diese Themen stehen im Mittelpunkt der interbad, die parallel zum 71. Kongress der DGfdB (Deutsche Gesellschaft für das Badewesen) stattfindet. Die Schwerpunkte dieser Ausgabe greifen die aktuellen Herausforderungen der Branche unmittelbar auf: Digitalisierung und ,,Smartifizierung" der Anlagen, Dekarbonisierung der Energieversorgung, Multifunktionalität der Standorte, psychische Gesundheit, urbane Resilienz, kommunales Bädermanagement sowie die Weiterentwicklung der Bereiche Wellness und Physiotherapie.

Naturbäder als weitere regionale Besonderheit

Wer über öffentliche Schwimmbäder in Deutschland spricht, kommt auch an den Naturschwimmbädern nicht vorbei. Besonders stark ist diese Badekultur in Bayern, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein verankert.

Diese Anlagen arbeiten mit pflanzlicher und mineralischer Filterung und kommen ohne chemische Wasseraufbereitung aus. Für Kommunen, die ihr ökologisches Profil stärken möchten, stellen sie eine zunehmend gefragte Alternative dar und ergänzen die deutsche Bäderlandschaft um ein Modell, das ökologische Zielsetzungen mit öffentlicher Freizeitnutzung verbindet.